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sag mir
wie sehr fühlst du dich
gefangen
in deinem Körper
denk dir
die Tiefe zurück
hinter deine Augen
sag mir
wann du nicht mehr bist:
blind
stumm
hermetisch
Manche Menschen
Manche Menschen gehen wie geschlagen;
stehen wie Versagen vor einem:
mächtige Mauern des Bedauerns;
setzen sich
wie sich angeschwemmte Wale auf den Strandsand legen
auf Parkbänke,
sacken in sich zusammen
und denken tatsächlich an das nächtliche Fernsehprogramm.
Puppenspieler.
TOCK! TOCK! TOCK!
Wie eine Puppe zieht er ihren Körper die Treppe hoch.
TOCK! TOCK! TOCK!
Puckert sie mit ihrem Wackelköpfchen über die Stufen.
Nicht die Äuglein öffnen, betet er. Du bist sicher hier.
Nicht das Mündchen auf, hofft er. Mutter könnte uns hören.
Er versucht sich zu
erinnern. Wie er sie kennengelernt hat. Er sieht zu ihr herunter. An
ihr herunter. In sie hinein, ein bischen - der Rock ist auf dem Weg
nach oben hochgerutscht. Und hat ihren Schoß sich freilegen
lassen.
Die Tür zu
seinem Zimmer ist abgeschlossen. Ist sie immer. Ist sein Zimmer. Ist
nur für ihn und nur für ihn. Und für die, die er mit
nach Hause nimmt. Die Stillen. Stummen. Die Puppen.
Auf dem Monitor
fragt man nach ihm. Er bindet sie mit Angelschnur in sein Bett. Er war
seit seinem dreizehnten Lebensjahr nicht mehr Angeln. Seit sein Vater
weg ist. Und trotzdem. Schenkt ihm seine Mutter alle paar Monate neue
Schnur.
Er benutzt sie ja:
Für seine Puppen. Mädchen.
Sie wollen seine
Hände. An sich. Über sich. Die Fäden sicher mit den
Fingern führend. Wollen sie von ihm begehrt werden. Und gelenkt
und geführt und verführt und verborgen werden.
Schätze werden. Spielzeug.
Er braucht sie.
Etwas. Jemanden als Gegenüber. Sein Vater ist fort. Seine Mutter
schon zu weit weg. Sie entziehen sich gegenseitig.
Ihre Wege im Haus kreuzen sich nie. Ihre Schritte verstummen vor seiner Tür.
Seine Schritte. Sind nie zu hören. Immer stumm.
Wie er.
Er hat das Sprechen
aufgegeben. Er muss nichts sagen. Hier. In seinem Zimmer. Muss nicht
sprechen. Mit den Puppen. Sie müssen nicht wissen. Was er will,
zeigt er ihnen. Mit einem Zug - einem Riß - an den Schnüren.
Ihren Gliedern. Ein Ruck durch ihre Körper. In Position. Die keine
Fragen offen lässt. Immer eine Antwort ist.
Was er zu sagen hat. Schreibt er.
Wer er ist. Schreibt er.
Für Nachfragen. Sind die Lügen da.
Fürs Nachsehen. Die Schnüre.
Es gibt in seiner Welt keine Enttäuschungen mehr. Nur noch kurze Momente des Schrecks. Und Schweigen. So viel Schweigen.
Das nur seine Mutter zu brechen wagt.
: Nichts, Mutter. - - - Ich spiele nur mit meinen Puppen.
Sie macht sich Sorgen, aber - - - so weit weg von ihm und allem.
Er zieht die Schnüre straffer. Und seine neue Puppe öffnet ihre Augen.
Shhh!
Perfekter Tag.
Leblos bin ich. Suche. Leben. In dunklen Spelunken, Kaschemmen und
diesen Läden, in denen sich die Reste der zivilisierten Welt
versammeln. Verbarrekadierte Randexistenzen. Mit dem Wissen um den
Nabel der Stadt. Dem gierigen Grab ihrer Herzen – ausgehoben
durch die Hände anderer.
Hier gehör ich hin. Mit meinem schaustellerblutleeren Leib. Machen
wir unsere schmutzigen Löcher zu Nachtclubs. Mit ledernen
Lümmelecken statt des Drecks und der Steine. Und der Stadt hinter
verhangenen Fenstern.
Wir wissen. Dass das hier sicher nicht das Paradies ist. Aber die
Drinks in unseren Händen erzählen etwas anderes. Und Glauben
ist Sehen. Bis zum Erblinden. Ich erkaufe mir den Tag mit meinem
Augenlicht. Eine andere Möglichkeit gibt es für mich nicht
mehr.
Ich habe mich aufgegeben und mache nur noch weiter. Weil ich das Ende
greifbar vermute. Es breitet sich in meiner Brust aus. Eine angenehme
Taubheit. Die ich ertragen muss, bis ich nicht mehr bei mir bin.
Es gibt nichts mehr mit mir auszuhandeln. Jeder point of no return
jeder einzelnen zu vermeidenden Handlung. Wurde von mir
überschritten. Nicht mehr zählbar.
Es läuft eben so: du triffst Entscheidungen. Und blickst nicht
zurück. Das ist der Tunnelblick: Fokus nach vorn. Abkehr von den
Fehlern. Die ohne uns überleben können.
Und darum liebe ich die Menschen so.
Ich liebe die Menschen. Weil nichts ihre Dummheit überleben wird.
Nicht meine. Und nicht eure. Sie wird uns alle überdauern.
Wenn wir nicht mehr da sind – uns endlichendlich selbst
ausgelöscht haben -, wird unser Planet losgelöst von seiner
Umlaufbahn durch das Weltall treiben: als ein Mahnmal der Tohrheit.
Dies ist eine Wahrheit. Die ich mit mir herumzutragen entschieden habe. Nur eine. Von vielen.
Doch: wenn man vergessen könnte!
Ich würde meine Seele sanieren. Und endlich wäre Vergangenheit vergänglich.
Ich würde aufhören zu trinken. Aufhören zu lügen.
Denn die Lüge reicht nur einen Gedankenbreit in die Zukunft. Kein
Leben lang zurück.
Ich würde den Anfang umschneiden. Unzulängliche Längen
kürzen. Das Kapitel der deleted scenes unsinnig aufblähen.
Und einen 24-Stunden-Trailer schneiden – nur die besten Szenen.
Dann endlich: der Directors Cut meines Lebens. Von der Geburt bis zum jetzigen Zeitpunkt: nur ein einzelner perfekter Tag.
##
Kein Geist beseelt die Leere,
kein Licht die Schwärze
je besiegt.
##
Mein Auge schält den Himmel blau,
mein Mund spricht
nie vom Morgen.
##
Ich hör die Flüße rufen,
seh die Brücken gehn -
die Wellen verlangen nach Land...
Gespenster
Ein Raum. Mein Zimmer. Und ich: ausgestreckt auf dem Teppich. Boden geworden. Allabendliche Erdung.
Mein Handy vibriert. Es ist mein Mitbewohner. Seit Tagen kommunizieren
wir nur noch per SMS oder über Zettel, die wir uns gegenseitig
unter der Tür durchstecken. GEH WEG stand auf dem ersten
Stück Papier. GEH WEG steht auf dem Display. Und ich weiß
nicht, ob ich gehen soll oder ob er gehen will.
Seit gestern Abend bekomme ich keine Zettel mehr. Die Zimmertür
ist verschlossen. Und es ist gut möglich, dass die Textnachrichten
nicht mehr von nebenan kommen. Sondern aus einem anderen Haus. Einer
anderen Straße. Einer anderen Stadt.
Vielleicht beginnt er ein neues Leben als Eismacher in Lapland. Steht
jeden Morgen vor der Dämmerung auf und trägt Eimer voll
Wasser auf ein Feld, das eigentlich eher ein flaches Becken ist. Und
sieht dann zu, wie die Sonne über dem Wasser aufgeht und es
langsam zu Eis werden lässt. Wobei er sich natürlich nur
einredet, dass die Sonne Wasser Eis werden lässt. Weil er nichts
für Wind übrig hat.
Vielleicht wird er Drogenkurier und unternimmt endlich die Reisen, von
denen er früher immer nur geträumt hat. Keine Träume
mehr. Nur noch Geschwindigkeit und Städte, die am Seitenfenster
ineinanderfließen. Keine Träume mehr. Nur noch Räusche.
Und Bilder, die jedem Psychoanalytiker den Schweiß auf die
Akademikerstirn treiben. Analyse this!
Vielleicht folgt er einem alten Mann auf der Straße bis in dessen
Haus am Stadtrand. Bricht nachts bei ihm ein und erstickt ihn im
Schlaf. Um für einige Tage das friedliche Leben eines
Immobilienbesitzers zu genießen. Solange, bis er entdeckt, dass
er sein eigener Feind ist. Und irgendwann wieder vor meiner Tür
steht. Oder brutalen Selbstmord begeht. Und es so aussehen lässt,
als hätte er einen Einbrecher überrascht.
Vielleicht geht er bis ans Ende der Welt und starrt den Abgrund
hinunter, der sich dort öffnet. Getrieben von dem Mythos, dass die
Strahlen der Sterne, die hier die Nacht erhellen, einen Menschen
verdampfen können. Und jeder, dem dieses Wunder wiederfährt,
steigt auf und wird ein atmendes, pulsierendes Licht im Herzen des Alls.
SOLL ICH GOTT ETWAS VOR DIR AUSRICHTEN? Dann geht die Sonne unter.
Und es wird dunkel auf den Dächern. Dann in mir.
Ich öffnet die Augen in die Nacht. Das sagt mir das ruhige Atmen
des Hauses. Der langsame Herzschlag der Straße vor dem Haus.
Ich frage mich Bist du urban genug?, öffne das Fenster und setze
mich hinein. Ich zähle die Menschen auf dem Heimweg oder einfach
nur weg.
Dies ist eine Geisterstadt. Und ich bin in ihr ebensowenig anwesend wie in mir.
Ich bin ganz einfach nicht da.
Nicht in meinem Zimmer.
Nicht in mir.
Ich weiß nicht mehr, wann ich das letzte Mal in meinem Fenster gesessen habe. Um drei Uhr nachts. Mitten im Sommer.
Meine Erinnerungen fühlen sich an wie die eines anderen. Und
selbst der unverwechselbare Geruch des feuchten Teers meiner
Straße kann sie nicht wieder zu meinen machen.
Ich lasse sie liegen - neben mir. Soll der Wind sie sich nehmen.
Meine Augen vergraben sich in die Wohnungen der gegenüber
liegenden Häuser, um mir neue Erinnerungen zu suchen. Solche, die
bleiben. Von verinnerlichter Welt.
Aber alles wird sofort wieder vergessen. Nichts - kein Ton, kein Bild,
kein Gefühl - lagert sich in mir ab. Die Brünette von
gegenüber, die mit dem Glas Wein in der Hand vor dem offenen
Fenster Unterwäsche anprobiert - vielleicht sehe ich sie grad zum
ersten Mal. Aber vielleicht sehe ich ihr schon den ganzen Abend dabei
zu, wie sie pastellfarbene Stringtangas oder Pantys mit Spitze an- und
wieder auszieht. Und dabei hin und wieder - wie zufällig - ihren
Hintern zu mir dreht. Eine weiche Sommerbräune erfüllt sich
dann in meinem Denken.
Ich versuche mich zu erinnern. Aber da ist einfach nichts.
Diese Leere ist der Schmerz, den ein amputiertes Glied hinterlässt. Als hätte man Leben von mir abgeschnitten.
Die Zeit vergeht.
Das merke ich nur daran, dass wieder und wieder Mücken auf meinem
Arm landen. Aber vielleicht ist es auch immer die gleiche. Sie nimmt
auf mir Platz und treibt ihren Rüssel unter meine Haut. Ich
spüre nichts dabei. Sie pumpt das blutverdünnende Gift
hinein, hält kurz inne - als müsse sie ihren nächstens
Schritt gut vorbereiten - und beginnt zu saugen. Ich beobachte ihren
Bauch, der sich weder wölbt noch verfärbt. Kein Blut
fließt. Aus mir in sie hinein. Ihr Hunger bleibt ungestillt. Und
ich positioniere meine Zeigefingerkuppe einen Zentimeter über
ihrem angestrengten Körper. Sie bleibt einen Moment unbewegt, dann
löst sie sich von mir. Ohne eine Spur zu hinterlassen.
Großstädter.
Ich kann nicht mehr stillhalten. Ich stehe auf, gehe in der Wohnung
umher - mache Lärm - und klopfe an die Tür meines
Mitbewohners. Nichts. Ich bleibe stehen. Atme nicht. Bewege mich nicht
und lausche. Aber bis auf Füße in Schuhen im Flur über
mir ist nichts zu hören. Ich drücke die Klinke runter. Die
Tür ist verschlossen. Ich bin allein.
Wieder im Fenster. Sage ich die Worte „jetzt“,
„vorher“, „nachher“ und „ich“. Aber
bis auf „jetzt“ klingen alle fremd. Ich denke an eine Uhr,
die man am Sekundenzeiger festhält. Er bleibt auf der Stelle
stehen und unter ihm dreht sich das Ziffernblatt. Für den Zeiger
gibt es kein kein „vorher“, kein „nachher“, nur
ein „jetzt“. Ich sehe aus dem Fenster, um zu
überprüfen, ob die Erde sich dreht.
Mein Kopf ist eine Echo-Halle. Vor langer Zeit muss einmal jemand hier
gewesen sein und der Finsternis seine Geschichte erzählt haben.
Und alles, was noch von ihm übrig ist, sind Echos. Zerbrochenen
Sätze - von den Wänden seines Schädels reflektiert - -
fragmentiert - - isoliert.
Nichts mehr übrig, was greifbar wäre. Nur Gestammel. Gespenster.
Je länger ich hier sitze, desto mehr verliere ich an Substanz. Und
alles um mich herum an Bedeutung. Ich beginne mich aufzulösen. Mit
jedem Gedanken. Jeder Bewegung. Und bin nicht in der Lage irgendetwas
zu tun. Und es interessiert mich nicht, wie es weitergehen wird. Mit
mir. Mit irgendwem. Der ich für mich bin.
Alles wird im Lärm und Beton der Stadt versickern. Dieser Satz klingt für mich noch nicht einmal traurig.
Mit dem Morgen schwillt das Leben an im Haus. Wecker klingeln, Radios
werden angestellt, Klospülungen betätigt, Wasser
fließt, Türen werden geöffnet und zugeschlagen,
Menschen bewegen sich durch Zimmer.
Ich bewege mich nicht. Mein Tür ist verschlossen. Ich bin allein.
Umspült von den Stimmen der Stadt. Und der Menschen, die in ihr
wohnen.
Durch mich hindurch kann ich jetzt den Boden sehen. Jetzt. Mein Handy vibriert. GEH WEG steht auf dem Display.
SOLL ICH GOTT ETWAS VOR DIR AUSRICHTEN?
Ein Raum. Mein Zimmer. Nichts mehr - nur Gespenster.
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